Die Suso-Kirche, Langgasse 2 mit Gemeindezentrum und Kindertagesstätte

Ende der 1960er Jahre entstand im Nordosten der Stadt auf dem Burgberg ein großes neues Wohngebiet.

Der damalige Stadtpfarrer Robert Uhlig und der Pfarrgemeinderat waren der Auffassung, dass es gut wäre, die über 8.000 Katholiken umfassende Münstergemeinde aufzuteilen. Sie planten den Bau einer zweiten Pfarrkirche mit Gemeindezentrum und Kindergarten an der Langgasse am Fuße des Burgbergs. Nach den Plänen von Architekt Wolfgang Lauber wurde im Oktober 1972 mit den Arbeiten in der damals üblichen Sichtbetonbauweise begonnen und schon ein Jahr später wurde der Suso-Kindergarten eingeweiht.

Die ebenfalls unter das Patronat des seligen, vermutlich in Überlingen geborenen Mystikers Heinrich Seuse gestellte „Suso"-Kirche wurde am 17. November 1974 durch Weihbischof Gnädinger geweiht. Allerdings wurde die Einrichtung einer zweiten Pfarrei in Überlingen vom erzbischöflichen Ordinariat Freiburg verworfen. Dennoch wurde die Suso-Kirche und das Gemeindezentrum unter dem damaligen neuen Münsterpfarrer Konrad Krieg und seinem Vikar Hansjörg Weber mit Leben erfüllt und von den Gläubigen der Nordost-Stadt gerne angenommen.

Eine Aufwertung erhielt die Suso-Kirche im Jahr 1981 durch die Ausschmückung mit einem von vielen Frauen aus unserer Gemeinde gestickten Wandteppich mit Motiven aus dem Leben und der Mystik des seligen Suso, nach einem Entwurf des Kunsterziehers Erich Kaiser aus Bermatingen. Damit das große Betongebäude auch von außen als Kirche erkennbar ist, ließ einige Jahre später Pfarrer Fridolin Dutzi ein weithin sichtbares Edelstahlkreuz anbringen. Im Gemeindezentrum unter dem Kindergarten finden viele Veranstaltungen der Senioren-, Frauen- und Familiengruppen, sowie Glaubenskurse, meditatives Tanzen und ein Großteil der Jugendarbeit durch die Pfadfinder- und Ministrantengruppen statt.

Der Suso-Kindergarten wurde im Jahr 2010 durch einen gelungenen Anbau für die Kleinkinderbetreuung erweitert.

Der SUSO Teppich

entstanden 1982/83 - entworfen von Erich KAISER - gestickt von Frauen der Münstergemeinde
Bei Besprechungen über die Möglichkeiten eines künstlerischen Ausschmückens der neuen Suso-Kirche war man sich bald einig, dass eine Bemalung der riesigen Altarwand zu keiner annehmbaren Lösung führen könne, sondern dass die rustikale Härte des Sichtbetons im Innenraum nur eine Milderung erführe durch ein gegensätzliches, lebendiges Material. Dies könne neben dem Efeubewuchs nur textiler Art sein.
Damit war der Weg gewiesen für das Material Wolle, die Größe und Anpassung an die Chorwand, und letztlich auch für den ideellen Inhalt. Also ein Bildteppich in Wolle gestickt in den Maßen 4 x 5,50 m.
Erfahrungen, die der Maler Emil Wächter in mehreren Kirchen schon vorweisen kann, ermutigten mich, den Vorschlag zu machen, einen solchen Teppich in Sticktechnik von einem Frauenkreis ausführen zu lassen.
Die Mitwirkung auf die Beteiligten und die Ausstrahlung auf die ganze Gemeinde konnten nur positiv und beglückend sein. - Ein Frauenkreis kam sehr schnell zusammen, und so konnte ich mit dem Entwurf beginnen.
Durch Lesen der Schriften, die mir u.a. Herr Pfarrer Krieg gab, vertiefte ich mich in das Gedankengut und das Leben des heiligen Suso, und die ersten Bildvorstellunqen tauchten auf.

Ein Entwurf ist ein lebendiges Phänomen, das geistig selbständig wächst, sich verändert aus sich selbst, und immer mehr sich dem Zustand der Übereinstimmung und dem suchenden, völlig anonym schaffenden Künstler, nähert. Dies gilt für Idee, Form und Farbe in ihrer Zusammengehörigkeit und gegenseitigen Abhängigkeit. Je mehr sie sich der menschlichen Erfahrbarkeit und Wahrheit nähern, desto überzeugender sind sie in ihrer Erscheinung und lösen auch im Betrachten Übereinstimmung aus.

Dem Charakter des Suso entsprach stille Größe, die ich anstrebte. Alle Gesten und Bewegungen sind nachvollziehbar, still wirkend, eindringlich, einfach. Es sollte ein Suso-Bildteppich werden, nicht ästhetische Abstraktion, sondern im Religiösen eingebunden für eine Gemeinde, die sich um ihn versammelt.
Er, Suso, tritt darum im Bild hervor, er zieht unseren Blick auf sich. Was sich um ihn gruppiert, muss wie selbstverständlich zugehörig erscheinen, bedarf aber doch einer Bilderklärung, um die Beziehungen zu den Schriften, aus denen sie zu Sichtbarem geworden sind, verstehen zu können.
Suso schreibt: "Gott will, dass das Böse geschieht seit Adams Ungehorsam". Die Sünde, die in der Bibel personifiziert ist als Schlange, schleicht hier, dem Boden angepasst, unmerklich heran. Mit ihr das Böse schlechthin, das als Tier dargestellt ist, halb Raubtier, halb Lurch, das aus dem dunklen unterirdischen Wurzelwerk hervorbricht.
Die Farben in diesem Bereich sind stumpf erdhaft. Aus den Felsen sprudelt Wasser und umfließt das Ganze, über ihnen ist ein Gestrüpp, das Vögeln, denen Suso liebevoll zugetan war, Aufenthalt gibt. Ein heller Vogel erhebt sich, der andere im Nest nährt die Jungen mit seinem Blut aus der selbst aufgeritzten Brust. Er ist das Symbol der Aufopferung, wie Suso sich in den Schreckenszeiten der Pest und Hungersnot um die Kranken und Armen kümmerte.
Daher steht diesem sich opfernden Vogel auf gleicher Höhe eine arme, dunkelgekleidete Frau verhärmt mit dem verhungerten Kinde auf den Armen gegenüber.
Wer denkt nicht an unsere Hungerzeiten nach dem Kriege, heute an die Dritte Welt? Hiob war eine Gestalt, die Suso besonders verehrte. Hier ist diese Mutter an Hiobs Stelle getreten, damit wir direkt angesprochen werden.
Ebenfalls angelehnt an Suso, den Verzückten, geht eine Frau in grünlichblau schimmernden Brokatgewändern im frivolen Tanzschritt, sich im Spiegel der Eitelkeit betrachtend. Es ist die Schwester Susos, die Dirne geworden war in den Zeiten der Sittenverwilderung, ähnlich wie heute. Ihr Lebenswandel hat Suso viel Kummer, Spott und Verleumdung gebracht, sowohl von seinen Glaubensbrüdern als auch auf seinen Missionsreisen.

Darunter, dem Bösen links entsprechend, zerreißt ein Hund ein Tuch in Fetzen. Es war ein wirkliches Erlebnis, das Suso hatte. Suso vergleicht sich selbst mit dem Tuch, denn er wurde seelisch zerrissen wie der Lappen, der sich nicht wehren kann. Er wurde ihm eine Mahnung zu Geduld.

In der Hauptgestalt Suso wenden wir uns vom Irdischen ab in seine eigentliche religiöse Welt der Mystik des 13. Jahrhunderts.
Die wirkliche Welt vergessend, blickt er verzückt empor, legt seine Hände in Demut und Ergebenheit auf sein Herz und schaut durch die Dornenkrone hinauf zur Vision der Maria, die wie eine Wolke schwebt. Sie und das Kind blicken auf ihn hernieder, ihre Blicke begegnen sich. Sein Herz ist voller Liebe zu ihr und den Blumen, den Rosen, den Tieren, jeglicher Kreatur und den Sternen über ihm. Sein Herz ist auch voller Jubel. Darum ist im Gezweig der harfenspielende König David sichtbar, dem seine Verehrung gilt.
Über das ganze Bild breitet sich der Rosenstrauch aus. Er ist das ausblühende Kreuz, der zentrale Gedanke in Susos Mystik.
Die Rose ist ihm Jugend, Schönheit, Liebe und Leid. Maria ist ihm die hohe Geliebte, des Herzens Sommerwärme, sein Maienreis, roter Rosen blühende Staude.
In diesem Schwärmen ist Suso der Minnesänger der Mystik. Die Farben dieses Teiles sind der gotischen Mystik angelehnt, wie sie in den Fenstern der Dome leuchten.
Inmitten der Rosenpracht ist die Dornenkrone mit dem Kreuz sichtbar, in dem sich alle Farben des Bildes vereinen, wie in einer gotischen Kreuzblume. Es ist die zentrale Mitte seines Glaubens: "Gott als das Leben in allem, Gott in seiner Unerklärbarkeit und Unaussprechlichkeit".
Darum ist der Strauch selbst auch wie ein Kreuz gewachsen gestaltet, er hat seine Wurzeln in der Erde und greift ins ganze Weltall aus.
Das ist die entscheidende Weisheit Susos und die Idee dieses Teppichs:
"Das Leid annehmen, freudig ertragen und damit zur Nachfolge Christi zu gelangen".

Die Frauen haben während eines ganzen Jahres in über 2000 Stunden gestickt und haben diesen Wandbehang, der mit freudiger Mühe entstand, dieser Kirche gewidmet.
Er bleibt nur ihr zugeordnet und legt Zeugnis ab von der Verbundenheit und dem Verständnis für den Patron dieser Kirche, den liebenswerten Amandos, den schwäbischen Franz von Assisi, den stillen Mystiker unter den seeligen Heinrich Suso, den Überlinger.